Das Weihnachtsglöckchen oder Weihnachten ohne Papa.

Es heißt „Man lernt im Leben nie aus“. Ja, da ist was dran und ich finde das auch gut so. Ich habe gern das Gefühl, im Laufe der Zeit klüger zu werden. Auf einige Lektionen und Prüfungen des Lebens würde ich jedoch lieber verzichten, denn schließlich hat Lernen auch oft etwas damit zu tun, sich auf neue – auch sehr schwierige – Situationen und Umstände einzustellen und mit diesen klar zu kommen. So wie an Weihnachten im letzten Jahr. Aber eins nach dem anderen …

Im letzten Jahr habe ich mein 49. Weihnachtsfest gefeiert. Ich mag Weihnachten, seit ich denken kann. Die Stimmung an Heiligabend hatte für mich, besonders als Kind, immer etwas herrlich Magisches und Heimeliges. In meiner Familie, die immer sehr feierfreudig war und dabei die alten Traditionen im Blick hatte, waren die Feiertage weitestgehend ritualisiert. Ich durfte mich an Heiligabend gleich auf drei Bescherungen freuen, zuerst bei meiner Oma väterlicherseits, dann bei meinen Großeltern mütterlicherseits und schließlich bei uns zu Hause im festlich geschmückten Wohnzimmer. Eingebettet waren unsere Bescherungen in kirchliche Veranstaltungen wie das Krippenspiel am Nachmittag und die Christmette am späten Abend des 24. Dezember. Aus der heutigen Sicht eines Erwachsenen kommt mir dabei manchmal der Gedanke an Freizeitstress, aber als Kind und in meiner heutigen Erinnerung war es der schönste Tag des Jahres. 

Kindheitserinnerungen an Weihnachten

Es gehörte bei uns auch dazu, dass wir Kinder ein Gedicht unterm Baum unserer Großeltern aufsagten, bevor es ans Geschenke auspacken ging. Mein Opa las uns jedes Jahr die Weihnachtsgeschichte vor, wobei er diese Lesung stets mit den Worten eröffnete: „Und nun wollen wir uns erst einmal anhören, warum wir heute hier zusammengekommen sind.“ Als ich irgendwann älter wurde, musste ich an dieser Stelle immer ein wenig schmunzeln, denn wir alle waren christlich katholisch aufgewachsen, gläubig und regelmäßige Kirchgänger. Wenn es also eine Familie gegeben hätte, der man den Sinn von Weihnachten nicht erklären musste, dann waren wir das. Aber Opa tat Jahr für Jahr immer so, als würde er uns in diesem Moment eine bahnbrechend neue Botschaft überbringen, wenn er unterm Weihnachtsbaum die Geschichte von der Geburt Jesu vorlas. Jahr für Jahr betonte er auch, wie sehr wir es zu schätzen wissen sollten, dass wir wieder einmal ein Weihnachtsfest begehen können, bei dem Frieden in unserem Land herrscht. Er war dabei wirklich ergriffen. Verständlich, wenn man daran denkt, dass er den Zweiten Weltkrieg als Soldat an der Front in Russland er- und überlebt hatte. Die Kriegserinnerungen haben ihn seines gesamtes Lebens nicht mehr losgelassen und so war es nur verständlich, wenn besonders er uns immer wieder darauf hinwies, wie wichtig es ist, Frieden untereinander zu halten. Seit er 2005 gestorben ist, fehlt mir sein weihnachtliches Ritual. Natürlich hat es dann ein anderes Familienmitglied übernommen, die Weihnachtsgeschichte zu lesen. Aber es wurde für mich nie wieder das Gleiche wie als mein Opa dies mit seiner unverwechselbaren Art getan hatte.

Weihnachtsbild. An Weihnachten las mein Opa immer eine Geschichte vor.

„Und nun wollen wir uns erst einmal anhören, warum wir heute hier zusammengekommen sind.“

Mein Opa vorm Lesen der Weihnachtsgeschichte

Das Weihnachtsglöckchen erklingt zu Hause!

Als wir dann abends nach dem Besuch bei den Großeltern zu uns nach Hause kamen, war meine Aufregung auf dem Höhepunkt, denn nun stand noch die Bescherung bei uns im Wohnzimmer an. Dorthin verschwand mein Vater dann auch immer sehr schnell, während wir noch unsere Jacken im Flur auszogen. Das Wohnzimmer war schon seit Tagen für uns Kinder tabu. Es war Tradition, dass wir den Weihnachtsbaum und all das festliche Drumherum, natürlich auch die Geschenke, erst an Heiligabend zu Gesicht bekamen. Nachdem mein Vater alle Kerzen am Baum entzündet und letzte Hand im Wohnzimmer angelegt hatte, stellte er sich von innen hinter die Tür, öffnete sie langsam, lugte bedeutungsvoll und auch leicht verschmitzt durch den Spalt zu uns nach draußen und läutete dabei ein kleines Glöckchen. Das war das Zeichen, dass wir nun endlich eintreten und zum ersten Mal die festliche Atmosphäre des Zimmers in uns aufsaugen, aber natürlich auch einen Blick auf die Geschenke unterm Baum werfen konnten. Ich erinnere mich noch, wie schön es nach Tannennadeln und Kerzen duftete. Während wir in das festlich geschmückte Zimmer traten, stimmte mein Vater ein Weihnachtslied an und wir sangen alle. Danach wünschten wir uns alle noch einmal „Frohe Weihnachten“ und dann ging es ans Geschenke auspacken, während mein Vater eine Weihnachtsschallplatte auflegte.

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Aus den Schallplatten wurden eines Tages CDs, aber sonst änderte sich für mich 48 Jahre lang nichts an unserem heimischen Ritual an Heiligabend. Neue Magie kam hinzu, als die Augen seiner Enkelkinder dann irgendwann aufgeregt erstrahlten, wenn mein Vater sein Glöckchen läutete. Ja, dieses Glöckchen war an Heiligabend immer ein ganz wichtiger Bestandteil, doch seine wahre Bedeutung wurde mir erst in diesem Jahr so richtig bewusst, als ich mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht mehr auf Heiligabend freuen wollte. 

Wer soll denn jetzt das Weihnachtsglöckchen läuten?

Zum letzten Weihnachtsfest drehte es sich nur noch um die Frage, wer denn das Glöckchen läuten, wer die Wohnzimmertür öffnen und wer das Weihnachtslied anstimmen würde. Und wer würde, nachdem wir uns alle „Frohe Weihnachten“ gewünscht haben und es ans Geschenke auspacken geht, genussvoll, mit einem Lächeln auf den Lippen, unsere Sektgläser füllen? Das, aber noch vieles mehr, würde dieses Mal so ganz anders sein, als ich es bisher kannte. Mein Vater, der herzensgute Lebemann und Zeremonienmeister war gestorben und so wurde mein 49. Weihnachtsfest zu einer tiefen Zäsur, natürlich auch für meine Familie, am meisten aber für meine Mutter, die mit meinem Vater 54 Weihnachtsfeste als Ehepaar gefeiert hatte. Ja, es ist der Gang der Dinge, dass Menschen eines Tages sterben und es liegt auf der Hand, dass wir dann trauern und sie vermissen, wenn sie nicht mehr bei uns sind. Doch für mich war der erste Heiligabend ohne meinen Vater einer der schwierigsten Tage meines Lebens.

Was soll das nur für ein Weihnachten werden?

Diese Frage stellten wir uns die ganze Adventszeit über. Wir haben schließlich gemeinsam mit meiner Mutter das Beste daraus gemacht, den Heiligabend im Sinne meines Vaters gefeiert und die Rollen neu verteilt. Meine Mutter klingelte das Glöckchen und öffnete die Wohnzimmertür, ich stimmte das Weihnachtslied an und schenkte uns später den Sekt ein. Vorher lagen wir uns alle – einige weinend – in den Armen und wünschten uns gegenseitig kein „frohes“, wohl aber ein „gesegnetes Weihnachtsfest“. Danach haben wir unsere Geschenke ausgepackt, miteinander angestoßen und das traditionelle Abendessen genossen. Ich glaube, meinem Vater, von wo auch immer er uns zugesehen haben mag, wird das sehr gefallen haben. Er hätte gewollt, dass wir auch ohne ihn die alten Traditionen fortsetzen.

So traurig es ist, während ich diese Zeilen schreibe, verspüre ich dennoch ein wohliges Gefühl und muss innerlich immer wieder lächeln, und ich freue mich, weil ich an all die schönen Weihnachtsabende und Szenen aus der Vergangenheit denke.

Trauern an Weihnachten ist besonders schwer.

„Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken.“

Theodor Fontane

Überhaupt steckt für mich in diesen ganzen Erinnerungen auch irgendwie der gesamte Sinn des Lebens und Sterbens, so wie es Immanuel Kant gut auf den Punkt gebracht hat:

„Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“

In diesem Sinne wird mein Vater so bald nicht tot sein, denn es sind nicht nur die Weihnachtsabende, die für mich unvergesslich bleiben werden. Es gibt so unendlich viele schöne Erinnerungen und Geschichten von gemeinsamen Momenten. Die Geschichte vom Weihnachtsglöckchen werde ich jedenfalls eines Tages noch meinen Enkelkindern erzählen.   

Das soll es für heute erstmal gewesen sein. Danke für dein Interesse, bis bald und herzliche Grüße,

Till Aigner

Level X Gründer und Autor. Motto: Die Midlife-Crisis als Chance und Abenteuer begreifen.

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1 Gedanke zu „Das Weihnachtsglöckchen oder Weihnachten ohne Papa.“

  1. Es tut mir sehr leid mit deinem Vater. Ich habe zum Glück noch beide Elternteile, aber sie sind in einem Alter, wo ich mir viele Gedanken mache, wie es wohl sein wird, wenn einer von ihnen oder irgendwann auch beide, nicht mehr da sein werden. Auch wir haben unsere weihnachtlichen Traditionen und Rituale und deine Geschichte zeigt mir, dass man die gemeinsame Zeit nicht hoch genug schätzen kann und ganz bewusst genießen sollte.

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