Erster Tage­buch­ein­trag zu meiner Midlife Crisis: So fing alles an!

Noch ahne ich nicht, dass gleich der Moment kommen wird, den ich noch Jahre später als den Beginn meiner Midlife Crisis datieren werde.

Wenige Momente, bevor sich meine Midlife Crisis Bahn bricht, komme ich mir vor, wie ein begossener Pudel. Ich mag solche Situationen nämlich überhaupt nicht. Da stehe ich hier, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf der Waage, während mich mein Arzt aus allen Blickwinkeln inspiziert.

Gut, das ist seine Aufgabe. Schließlich hatte ich ihn auch explizit darum gebeten und diesen Termin langfristig vereinbart. Aber ich weiß doch, was der gerade denkt. Ich kann seine Gedanken förmlich hören:

Na, mein kleiner Pummelprinz? Ganz schön was auf den Rippen. Dir schmeckt’s wohl zu gut. Musst mal ein bißchen kürzer treten. Wenn das nämlich so weiter geht, machst du mir in zehn Jahren meine teure Waage kaputt. 

Ja, ich weiß: Ein Arzt wird in der Regel genügend professionelle Distanz und seine Gedanken so weit im Griff haben, dass er nicht insgeheim noch über seine zu dick geratene Kundschaft feixt. Zumal ich sagen muss, dass ich einerseits deutlich zu viele Kilos mit deutlich zu viel Fettgehalt mit mir herumschleppe, mich andererseits aber auch nicht als Doppelgänger von Benjamin Blümchen im Elefantengehege sehe. So extrem ist es nun auch wieder nicht. So ein richtig dicker Dicker bin ich jetzt nicht. Das ist jedenfalls in dieser Zeit mein Selbstbild. Dass ich seit Längerem Jahr für Jahr jeweils eine Kleidernummer größer brauche, liegt natürlich nur daran, dass die Klamotten ständig kleiner ausfallen. Was letztes Jahr noch XL war, entspricht heutzutage schon XXL. Was für ein bescheuerter Modetrend. Mein Arzt teilt meine Verschwörungstheorie über die Modebranche offensichtlich nicht. Damit zurück zu meinem heutigen Auftritt auf der Waage.

Die Stunde der Wahrheit

Ja, ich wusste irgendwie, was mich erwartet. Aber hier und heute ist alles so offiziell und amtlich. Es ist Frühsommer 2018. Ich bin 44 Jahre alt und wiege bei einer Größe von 184 cm knapp 100 Kg. Mit einem Körperfettgehalt von rund 30% „darf“ ich mir das Prädikat adipös ans Revers meiner XXL-Jacke heften, in der ich mich schon lange nicht mehr wohl fühle. In diesem Moment rollt in meinem Kopf ein Groschen los und sucht nach einem Weg, um endlich zu fallen. Was passiert hier gerade?

Wie meine Midlife-Crisis begann
Mit dicker Plauze in die Midlife-Crisis. Dank meiner Körperwerte schau ich ganz schön dumm aus der Wäsche.

Ein jahrzehntealtes Problem schwabbelt an die Oberfläche.

Vielleicht kennst du das von dir selbst: Du schleppst aus deiner Kindheit oder Jugend ein Defizit mit dir herum, von dem du dir geschworen hast, es im Laufe deines Lebens in Ordnung zu bringen. Dann wirst du eines Tages zurückblicken und stolz sagen können: „Das habe ich in Ordnung gebracht. Dieses Ziel habe ich erreicht.“ Bei einigen geht es vielleicht ums Gewicht, bei anderen um Bildung, Karriere oder Geld, bei wieder anderen um Freunde, Beziehung, Anerkennung, Selbstbewusstsein.

Der Traum, einmal richtig sportlich zu sein

Seit meiner frühen Jugend, als ich Stück für Stück aus dem Leim ging (zu viel Essen, zu wenig Bewegung), entwickelte sich bei mir ein endloser Kreislauf aus Diät, Sport, Rückfall, Diät, Rückfall, Sport, Rückfall, Diät. usw. Gleichzeitig wuchs in mir der Traum von einem athletischen Körper. Das musste doch irgendwie zu schaffen sein. Ich habe sportliche Menschen immer bewundert, ganz gleich, ob es Schulfreunde waren oder die großen Stars von Olympia. Wie großartig musste es sich anfühlen, so fit und sportlich zu sein? Aber ich bekam lange Zeit nicht die Kurve.

Hoffnung mit Mitte 30: Ich werde zum Marathonläufer

Ich begann schließlich mit dem Laufen, erst kurze Strecken, dann etwas längere, dann Halbmarathon und schließlich Marathon. Meine Marathonbestzeit lag immerhin bei knapp unter 4 Stunden. Mein Gewicht war deutlich gesunken, meine Fitness verhältnismäßig gut. Das hatte ich mir sogar durch einen sportmedizinischen Check bestätigen lassen. Das war 2010 und ich war der Überzeugung, diesen Status für den Rest meines Lebens nicht nur halten, sondern weiter ausbauen zu können. Mein Traum schien sich zu erfüllen.

Das war noch vor meiner Midlife Crisis. Marathon in unter 4 Stunden.
2010: Auf dem Höhepunkt meiner Fitness. Meine Bestzeit bei einem Marathon lag immerhin bei knapp unter 4 Stunden.
So kann man auch die Midlife Crisis erleben: Beim langen Lauf zu mir selbst. Wie zum Beispiel Joschka Fischer in seinem gleichnamigen Buch.

Meine Inspirationsquelle auf dem Weg zum Marathon

Eine große Inspiration auf meinem Weg zum Marathonläufer war das Buch „Mein langer Lauf zu mir selbst“ von Joschka Fischer.

Er schaffte es, sich in seiner Lebensmitte körperlich noch einmal komplett neu zu erfinden. Er nahm innerhalb eines Jahres 40 Kg ab und wurde von einem übergewichtigen und behäbig wirkenden Klops zu einem fitten und leichtfüßigen Marathonläufer. Was mich daran besonders motiviert hat, war die Tatsache, dass er seinen persönlichen Turn-around schaffte, obwohl er gleichzeitig als Spitzenpolitiker einen kräftezehrenden Arbeitsalltag hatte. Das war für mich immer das beste Argument gegen meine gelegentlichen Ausflüchte, ich könne mich jetzt nicht auf eine gesunde Ernährung und Lauftrainings einlassen, weil ich ja beruflich und überhaupt so wahnsinnig eingespannt bin. Zeit findet sich immer, wenn man nur will. Das war mein Learning aus dem Buch.

Es hat mich enttäuscht, als ich erfuhr, dass Joschka Fischer Jahre später wieder in seine alten Muster zurückfiel. Wie tragisch, dachte ich. Doch mir sollte ein ähnliches Schicksal widerfahren, wie du im nächsten Absatz lesen kannst …

Wie blöd kann man sein?! Rückschlag mit Mitte 40. Midlife Crisis de Luxe!

Und nun, 8 Jahre nach meinem persönlichen Marathon-Triumph, stehe ich 2018 mit Mitte 40 hier beim Arzt auf dieser professionell geeichten Waage und entnehme der Skala mein scheinbar unausweichliches Schicksal: Knapp 100 Kg und 30% Körperfettanteil! Du bist und bleibst ein Jojo und zwar für den Rest deines Lebens. Du hattest dein halbes Leben Zeit, um dir deinen achso großen Traum von Fitness und körperlicher Ästhetik zu erfüllen. Herzlichen Glückwunsch Pummelchen! Das hast du wirklich großartig hinbekommen. Nun geh’ zum nächsten Kiosk und belohne dich mit einem köstlichen Schokoriegel.

Wenn ich den Beginn meiner Midlife Crisis datieren sollte, dann startet sie hier und heute auf dieser vermaledeiten Waage.

Eine Midlife Crisis basiert meist auf einem SOLL-IST-Abgleich:

Wo wollte ich eigentlich hin und wo bin ich nach der Hälfte meines Lebens gelandet?

Und so stelle ich hier auf der Waage zum ersten Mal in meinem Leben eine ganz bewusste Verbindung zwischen meinem eigentlichen Ziel, meiner aktuellen Situation und meinem voraussichtlichen Verfallsdatum her.

Zu Deutsch: Wenn ich mit Mitte 40, also nach grob der Hälfte meines Lebens, einem wichtigen, mir selbst gesteckten Ziel ferner bin denn je und wenn ich in meiner zweiten Lebenshälfte so weitermache wie bisher, dann habe ich ganz, ganz schlechte Karten.

Und ganz ehrlich: Wie ernst kann es mir dann jemals mit diesem Traum gewesen sein? Das werde ich dann wohl spätestens auf dem Sterbebett erfahren, wenn ich ein letztes Mal in meinen Schokoriegel beiße und mir vielleicht selbst eingestehen muss, dass ich mir die Erfüllung eines Lebenstraums schuldig geblieben bin.

Was ist DEIN großer Traum?

Der Dopamin-Jackpot. Vorfreude ist die schönste Freude.
Du kannst alles werden oder sein? Warum nicht? Du hast nur nicht unendlich Zeit dafür.

Ein athletischer Körper ist wohlgemerkt MEIN Traum. Ersetze ihn einfach durch das, was du DEINEN großen Traum nennst. Dann stelle dir vor, dass du zur Halbzeit deines Lebens noch gefühlte Lichtjahre von der Erfüllung dieses Traums entfernt bist. Was sollst du tun? Den Traum begraben, in deine Komfortzone abtauchen und akzeptieren, dass du in diesem Leben nicht alles haben kannst? Oder doch nochmal Anlauf nehmen, um so richtig durchzustarten? Du weißt, das wird anstrengend. Aber steht nicht auf jedem zweiten Kalenderblatt dieser schlaue Spruch Der Weg ist das Ziel? Und wer weiß, vielleicht wird dein Weg zu einem echten Abenteuer, was du in der zweiten Hälfte deines Lebens noch bestehen darfst.

JA zum Abenteuer, das die Midlife Crisis uns schenkt.

Ich stehe jedenfalls immer noch auf dieser Waage, blicke frustriert an mir herunter und versuche wie immer in solchen Situationen vergeblich, meinen Bauch einzuziehen. Und als mein Blick wieder einmal über all meine Fettpolster und Speckröllchen gleitet, steht für mich fest: Ich wähle das Abenteuer und erschaffe mir einen neuen Körper. Einmal cool sein und gegen den Strom schwimmen. Denn während die meisten Menschen im Alter oft dicker und unfitter werden, will ich mich in die Gegenrichtung bewegen. Geht das biologisch überhaupt, mit Muskelauf- und Fettabbbau und dem ganzen Gedöns? Egal, ich werde es schon herausfinden.

Erster Tage­buch­ein­trag zu meiner Midlife Crisis: So fing alles an!
Jetzt mal keinen Stress. Die Midlife Crisis muss sich erstmal gedulden.

Die Midlife Crisis muss sich jetzt erstmal gedulden.

Ich ahne zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es ab heute noch eineinhalb Jahre dauern wird, bis ich überhaupt einen ersten ernsthaften Schritt unternehmen werde. Ich ahne auch noch nicht, dass die Midlife Crisis dann noch weitere Abenteuer für mich vorgesehen haben wird, als nur die Rekomposition meines Körpers. Aber bis dahin muss sie sich bitte noch gedulden! Und so igle ich mich weiter in meiner Komfortzone ein. Den Ruf des Abenteuers überhöre ich jetzt einfach mal. Das ist so schön bequem. Außerdem ist das Leben schon stressig genug. NOCH bin ich ja erst 44. Also da ist schon noch genug Zeit … oder etwa nicht?

So geht’s weiter:

Zweiter Tage­buch­ein­trag zu meiner Midlife Crisis: Ich bin definitiv zu cool für die Weight Watchers!

Sind die Weight Watchers nicht diese dicken, überwiegend weiblichen Menschen, die sich im Stuhlkreis auf die Waage stellen und sich dann gegenseitig ihr Leid darüber klagen, wie fett sie sind? Nur um anschließend zu einer Tupperware- oder Kerzenparty zu rollen, wo sie es dann bei lecker Eierlikörchen und Knabbereien so richtig krachen lassen? Und da soll ICH mitmachen? So weit kommt’s noch. Ja, echt? Zum Beitrag …

Das soll es für heute erstmal gewesen sein. Danke für dein Interesse, bis bald und herzliche Grüße,

Till Aigner

Level X Gründer und Autor. Motto: Die Midlife-Crisis als Chance und Abenteuer begreifen.

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1 Gedanke zu „Erster Tage­buch­ein­trag zu meiner Midlife Crisis: So fing alles an!“

  1. Sehr geile Story. So kanns auch losgehen mit der Midlife-Crisis! War bei mir ganz ähnlich. Hatte einfach irgendwann genug von dem ganzen Rumgeeiere und hab Nägel mit Köpfen gemacht. Sport, Ernährung und das ganze Programm. Gewohnheiten komplett geändert/optimiert. Jetzt hab ich die 50 überschritten und bin fitter als jemals in meinem Leben zuvor. Bin gespannt, wie es bei dir weitergeht! Viel Erfolg.

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