Wenn die Lösung das Problem ist.

Viele Grüße aus der Midlife-Crisis!

Das Schöne am Älterwerden ist, dass man immer wieder dazu lernt – sofern man denn will – und sich dadurch immer mehr (Lebens-)Erfahrung auf dem persönlichen „Ich-weiß-schon-wie-das-geht-Konto“ ansammelt. Mit Ü40 oder gar Ü50 dürfte dieses Konto eigentlich schon recht gut gefüllt sein. Doch wieviel bringt uns dieser Erfahrungsschatz, wenn wir in der Mitte unseres Lebens vor Fragen, Herausforderungen und Problemen stehen, die wir so noch nie hatten? Dann können wir nicht nach Schema F verfahren, sondern müssen irgendwie kreativ werden, um neue Lösungen für neue Probleme und hilfreiche Antworten auf neue Fragen zu finden.

Dieser Artikel enthält später eine kleine Rätselaufgabe. Wenn du sie lösen möchtest, könnte sich die geschätzte Lesezeit erhöhen.

Neue Probleme, alte Methoden – So funktioniert das nicht? 🤔

Gerade in unserem Alter, irgendwo in der gefühlten Lebensmitte, neigen wir immer stärker dazu, wenn auch unbewusst, nach unserem persönlichen Schema F zu verfahren. Wir haben im Laufe unserer bisherigen Lebensjahrzehnte schon für etliche Probleme etliche Lösungen finden müssen und uns dabei unser ganz eigenes Problemlösungsrepertoire angelegt. Das bringt uns dazu, nach dem Motto „neues Problem, alte Problemlösungsmethode“ zu verfahren.

Das Ergebnis ist häufig alles andere als zufriedenstellend, denn unsere inneren und äußeren Rahmenbedingungen ändern sich im Laufe der Zeit. Aber „(…) wir versuchen bei der Problemlösung uns weiterhin der Methoden zu bedienen, die bis dahin immer wirksam gewesen sind.“[1] Wir können nichts dafür, wenn wir es nicht schaffen, aus derartigen Routinen auszubrechen, denn ist es wohl ein Naturgesetz. Doch dazu später mehr. Zunächst möchte ich dir etwas Interessantes über die Army Ants erzählen, für die es sogar tödlich enden kann, wenn sie ihrem inneren Programm einfach stur folgen.

Das unglaubliche Risiko im Leben der Army Ants.

Bei den Army Ants handelt es sich um eine Ameisenart, die im Gegensatz zu den meisten anderen Ameisenarten keine dauerhaften Nester baut, sondern die sich mit ihrer Kolonie während ihrer gesamten Existenz fast ununterbrochen bewegt. Diese „Armee-Ameisen“, die vor allem in tropischen und subtropischen Gefilden vorkommen, bilden auf ihren Reisen immer wieder Biwaks, also so etwas wie temporäre Feldlager.

Immer auf Achse … 🐜🐜🐜🐜🐜🐜

Ihr ständiges Reisen ist auf die Notwendigkeit zurückzuführen, dass sie riesige Mengen an Beute jagen müssen, um ihre enorme Koloniebevölkerung zu ernähren, die aus mehreren Millionen Individuen bestehen kann. Wenn Armee-Ameisen einer Kolonie, aufgeteilt in verschiedene Heere, ausschwärmen und nach Futter suchen, können die von ihnen gebildeten Pfade über 20 Meter breit und über 100 Meter lang sein. Da sie nicht sehen können, aber trotzdem ja irgendwie auf der Spur bleiben müssen, orientieren sie sich untereinander an Duftstoffen, sogenannten Pheromonen, die sie absondern. Jede Ameise folgt also also mehr oder weniger blind dem reinen Duftpfad ihrer vorauslaufenden Kameraden, so dass auf diese Weise das gesamte Heer in seiner Struktur und Ordnung und auf dem richtigen Weg bleibt.

Dass die Army Ants sich am Geruch ihrer Artgenossen orientieren, ist eigentlich eine geniale Lösung. Aber die kann auch zu einem echten Problem werden.
Dass die Army Ants sich am Geruch ihrer Artgenossen orientieren, ist eigentlich eine geniale Lösung. Aber die kann auch zu einem echten Problem werden.

Eigentlich eine geniale Lösung!

Diese eigentlich geniale Lösung kann allerdings unter bestimmten Umständen zum Problem werden und zum Tod des gesamten Heeres führen. Als ich zum ersten Mal von diesem Phänomen hörte und die Frage gestellt wurde, welche Umstände das wohl sein könnten, dachte ich sofort: „Ja, nee, is‘ klar. Wenn die da vorne schnurstracks in einen Abgrund, in einen reißenden Fluss oder ins Maul eines ameisenfressenden Räubers marschieren, dann trotten alle wie die Lemminge hinterher und dann ist der Ofen halt ganz schnell aus. Goodbye, Army Ants!“

Aber weit gefehlt. Das Problem ist ein ganz anderes. Wenn nämlich die vorne marschierenden Ameisen aufgrund verschiedener Richtungswechsel irgendwann einmal ihren eigenen Duftpfad kreuzen und diesem folgen, treffen sie irgendwann auf ihre ganz am Ende marschierenden Kollegen und folgen den. Dann bildet sich ein Kreis, eine sogenannte Ameisenmühle. Weil nun alle im Kreis laufen, verstärkt sich die Pheromonspur permanent und keiner schnallt, dass er diesen Pfad doch besser verlassen sollte. Das gesamte Ameisenheer marschiert im Kreis bis in den Erschöpfungstod.

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Dumm gelaufen? 😬

„Mein lieber Herr Gesangsverein!“, dachte ich mir. Das ist ja mal hart. Das ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie eine eigentlich geniale Lösung und eine Art von quasi intelligenter Interaktion gleichermaßen in den sicheren Tod führen kann, aber das System hält trotzdem stur daran fest. Ich will den armen Krabbeltieren jetzt nicht zu nahe treten oder pietätlos sein, aber das ist dann echt ein Fall von „dumm gelaufen“.

Youtube Video einer Ameisenmühle, auch „death spiral“ (Todesspirale) genannt, aufgenommen, 2007 in Guatemala.

Wer im Glashaus sitzt, sollte keine Ameisen kritisieren.

Wir sollten die Army Ants jedoch nicht vorschnell als dumm oder primitiv verurteilen. Uns Menschen, ja sogar allen Tieren, geht es nicht besser. Und dabei ist es eigentlich auch egal, über welche Art von Problemen wir reden. Das eigentliche Problem besteht darin, dass wir alle – Mensch und Tier – so etwas wie ein erlerntes Problemlösungs-Repertoire in uns gespeichert haben. Auf dieses Repertoire oder Denkmuster greifen wir ganz automatisch zurück, wenn wir uns auf die Suche nach Lösungswegen machen und es dabei im wahrsten Sinne nicht schaffen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen oder zu denken. Das Phänomen wurde vom Philosophen und Psychotherapeuten Paul Watzlawick in seinem Vortrag „Wenn die Lösung das Problem ist“ [2] thematisiert:

„Wenn man sich (…) mit Problemen und Problemlösungen befasst (…), dann fällt einem unschwer auf, dass Mensch wie Tier die fatale Eigenschaft hat, an einmal erarbeiteten, einmal gefundenen Lösungen stur festzuhalten und zwar auch dann, wenn die Umweltsbedingungen sich schon so weit geändert haben, dass die Lösungen, die einmal – möglicherweise – die bestmöglichen, vielleicht die einzig möglichen waren, nicht mehr zutreffen.“

Paul Watzlawick (Philosoph und Psychotherapeut, 1921 – 2007)
„Wenn die Lösung das Problem ist.“ Vortrag von Prof. Dr. Paul Watzlawick, 1987.

Watzlawick hat in seinem Vortrag (s. Video oben), in dem er übrigens auch das Verhalten der Army Ants schildert, noch ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie wir Menschen uns mit unseren festgefahrenen Problemlösungs-Strategien oft selbst im Weg stehen. Es handelt sich dabei um das sogenannte Neun-Punkte-Problem, einer Aufgabenstellung aus dem Bereich des praktischen Problemlösens in der Denkpsychologie.

Das Neun-Punkte-Problem: Wie dich neun kleine Punkte überfordern können. 🤯

Deine Aufgabe besteht darin, 9 quadratisch angeordnete Punkte mit einem Stift durch höchstens vier gerade Linien zu verbinden, ohne dabei den Stift abzusetzen. [3]

Sollte dir die Aufgabenstellung noch nicht bekannt sein, google bitte nicht gleich nach dem Ergebnis, sondern versuche es erst einmal selbst. Es ist wirklich ein sehr interessantes Selbstexperiment, weil … ach, ich will hier noch gar nicht zu viel verraten oder Hinweise geben. Wenn du nicht weiterkommst, findest du jedenfalls hier die Lösung zum Neun-Punkte-Problem.

Du kannst das Neun-Punkte-Problem zum Ausdrucken und Bearbeiten hier als PDF herunterladen.

Spoiler-Alarm!

Bevor du weiterliest: Die folgenden Passagen enthalten Hinweise zur Lösung des o.g. Neun-Punkte-Problems. Falls du also noch selbst etwas tüfteln willst, mach an dieser Stelle besser eine Pause. Vorsichtshalber habe ich die nächsten beiden Überschriften auf den Kopf gestellt, damit du nicht schon aus dem Augenwinkel heraus die ersten Tipps erspähst.

Think outside the box vs. expand your box

Warum fällt es den meisten Menschen (dir auch?) so schwer, das Neun-Punkte-Problem zu lösen?

Das liegt daran, dass wir in unserem eigenen Saft schwimmen. Wir marschieren wie die Army Ants blind auf dem Duftpfad, den wir uns selbst einmal gelegt haben und bewegen uns dabei im Kreis. Das ist alles sinnbildlich dafür, dass es uns kaum oder nur schwer gelingt, aus unseren erlernten Denkmustern auszubrechen. Das ist aber notwendig, wenn wir Probleme lösen wollen, die für uns neu sind und bei denen wir mit unseren erlernten und gewohnten Denkweisen nicht weiter kommen. Wer Schwierigkeiten beim Lösen des Neun-Punkte-Problems hat (und das sind die meisten), wird wahrscheinlich im Nachhinein feststellen, dass er sich selbst unbewusst bestimmte Beschränkungen auferlegt hat, die als Beschränkungen überhaupt nicht in der Aufgabenstellung genannt wurden. So sagt die Aufgabe zum Beispiel nichts darüber, dass die Striche nicht auch über das Quadrat, welches durch die Punkte gebildet wird, hinausgehen dürfen. Mehr dazu kannst du der Lösung des Neun-Punkte-Problems entnehmen.

Können wir überhaupt außerhalb unserer „Box“ denken?

Wenn es um das Finden kreativer Lösungswege geht, dann hört oder liest man oft die Aussage, man solle außerhalb seiner Box denken, also „think outside the box“. Es gibt mittlerweile aber auch Meinungen, die bezeichnen diese Methode als hohle Phrase, als schlecht, ja sogar als Kreativitätsbremse. Grund dafür sei, dass wir selbst die besagte Box sind. Das heißt, dass diese Box im Grunde die Summe all der Facetten unserer Persönlichkeit darstellt. Das wären also unsere Werte, unsere Erfahrungen, unser Wissen, unsere Leidenschaften und Ziele und auch unsere Schwächen und Macken. Vor diesem Hintergrund scheint es ungeeignet, wenn man uns rät, unsere Box zu verlassen. Vielmehr sollten wir uns „unserer Box“ so gut wie möglich bewusst werden, ihre Bestandteile so gezielt wie möglich miteinander verknüpfen und daraus die eigentliche Kreativität zur Problemlösung schöpfen.

„Je mehr von dem, was wir lesen, beobachten und erleben aus unserer Box abrufbar ist, desto mehr Material steht unserem Gehirn zu Verfügung, wenn es nach neuen, ungewöhnlichen Lösungen sucht. Ein weiteres Erfolgsrezept für die Entwicklung unserer Kreativität ist es, die Begegnungen und den offenen Austausch mit anderen Menschen zu intensivieren. Indem wir von den „Boxen“ anderer Menschen lernen und uns inspirieren lassen, erweitern wir ebenfalls das kreative Repertoire unserer Box. Der wahre Schlüssel zum Erfolg heißt also nicht ‚Think outside the box‘, sondern ‚Expand your box‘.“

Jens Möller, Focus Online [4]

Box hin oder her – Wir brauchen einfach immer wieder frische Sichtweisen, sonst laufen wir im Kreis.

Mach den Boxenstopp! 🤚

Ob wir nun außerhalb unserer Box denken oder unsere Box erweitern, Fakt ist, dass wir in jeder Lebensphase mit Aufgaben, Herausforderungen und Problemen konfrontiert werden, die immer wieder neue Sichtweisen brauchen. WIR haben uns weiterentwickelt, UNSER UMFELD hat sich weiterentwickelt, UNSER ERFAHRUNGSSCHATZ hat sich quantitativ und qualitativ erweitert. UNSERE ZIELE haben sich möglicherweise geändert oder wir haben sie zumindest neu justiert.

Die Journalistin und Autorin Gail Sheehy schrieb 1976 ein ziemlich dickes Buch mit dem Titel In der Mitte des Lebens: Die Bewältigung vorhersehbarer Krisen. Darin betont sie immer wieder die Unterschiedlichkeit unserer Lebensphasen, die wir bei unseren persönlichen Problemlösungsfindungen jeweils berücksichtigen müssen. Mehr noch: Wenn wir unsere Persönlichkeit und unsere Möglichkeiten tatsächlich voll entfalten wollen, dann müssen wir sogar bereit dazu sein, ganze Verhaltensweisen aufzugeben:

„Die Aufgaben, die das Erwachsenenleben stellt, sind nicht leicht zu lösen. Wie in der Kindheit, bringt jede Stufe nicht nur neue Entwicklungsprobleme mit sich, sondern erfordert die Aufgabe von Verhaltensweisen, die bisher wirksam gewesen sind. Jedes Stadium bedeutet den Verlust eines Zaubers, den Verzicht auf eine gehätschelte Illusion von Sicherheit und auf ein angenehm-vertrautes Selbstgefühl. Nur so können wir unsere Persönlichkeit entfalten.“

Gail Sheehy, In der Mitte des Lebens. Die Bewältigung vorhersehbarer Krisen.[1]

Ein schöneres Schlusswort als das von Gail Sheehy könnte ich mir für heute gar nicht vorstellen, denn genau darin liegt für mich der Kern dessen, was viele von uns in der Lebensmitte umtreibt. Dieses Gefühl, was uns fragt, ob da nicht vielleicht noch ein bißchen mehr drin ist in unserer Lebenswundertüte. Und dann fangen wir an zu träumen, was wir nicht vielleicht noch alles anstellen könnten mit unserem Leben.

Doch dann werden wir ganz schnell wieder begraben unter unseren tradierten Ansichten, unseren selbst auferlegten Beschränkungen und limitierten Problemlösungsmethoden. „Jetzt nochmal etwas ändern?! Wie soll das gehen!? Ich habe mir doch über all die Jahre so viel erarbeitet und aufgebaut und schließlich auch meine finanziellen Verpflichtungen! Nein, nein! Ich ziehe jetzt durch bis zur Rente. ABER DANN, … dann werde ich mich meinen Träumen widmen.“

Wir werden unsere Ü50-Probleme nicht lösen, indem wir Methoden anwenden, die vielleicht mal funktioniert haben als wir 20 oder 30 waren. Die Dinge haben sich geändert. WIR haben uns geändert. Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, wird weniger, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wenn wir also noch Träume haben, die wir verwirklichen wollen, dann brauchen wir eine neue, eine andere Sicht auf die Dinge und dürfen nicht weiter blind unserem eigenen Duftpfad folgen. Es geht nicht darum, radikal alles auf eine Karte zu setzen und alles um- oder wegzuwerfen! Es geht darum, kreative Lösungen zu finden, wie man das eine tun kann, ohne das andere lassen zu müssen. Das Leben besteht schließlich nicht nur aus „Entweder-Oder-Entscheidungen“.

Was das genau bedeutet? Das darfst du bitte für dich und deine Situation selbst herausfinden. Ich tue es auch gerade … 😉

Das soll es für heute erstmal gewesen sein. Danke für dein Interesse, bis bald und herzliche Grüße,

Till Aigner

Level X Gründer und Autor. Motto: Die Midlife-Crisis als Chance und Abenteuer begreifen.

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Quellen

1. Gail Sheehy. In der Mitte des Lebens. Die Bewältigung vorhersehbarer Krisen. Sonderauflage der Rhodia-Pharma GmbH, München: Kindler Verlag GmbH, 1976

2. Paul Watzlawick – Wenn die Lösung das Problem ist (Vortrag von 1987). [abgerufen am 09.10.2022]

3. Sam Loyd: Sam Loyd’s Cyclopedia of 5000 Puzzles, Tricks, and Conundrums With Answers. 1914, S. 301, 380 (archive.org [abgerufen am 25.09 2022]).

4. Warum „Thinking outside the box“ Unsinn ist – und wie Sie wirklich auf neue Ideen kommen (Jens Möller, Focus Online, 01.07.2020, abgerufen am 09.10.2022)

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