Trauern kannst du nicht trainieren.

Mein heutiger Beitrag gehört für mich auf jeden Fall in die Kategorie „Selbstüberschätzung“, wenn nicht sogar „Naiver Idiot“.

Was habe ich in den letzten drei Jahren angesichts meiner Midlife-Crisis nicht alles an Literatur verschlungen, von der ich überzeugt war, sie würde mich inspirieren, mich stärker machen, klüger und resilienter. Bücher über Psychologie, Philosophie, Motivation, Achtsamkeit, Religion, und, und, und. Und jetzt?

Jetzt fühle ich mich gerade, als hätte man mir die Luft aus sämtlichen Reifen gelassen. Mein innerer Hans Dampf hat Pause und mein Humor hat sich im Keller eingeschlossen. Wenn du mich heute persönlich treffen würdest, würdest du mir wahrscheinlich gar nichts anmerken. Doch in mir drin herrscht gerade ziemlich tote Hose. Aber eins nach dem anderen …

Mein Abenteuer Midlife-Crisis

Ich habe hier schon viel darüber geschrieben, dass ich meine Midlife-Crisis als Abenteuer und als interessanten, konstruktiven Prozess betrachte, als eine Phase, in der man sich selbst nochmal frisch justieren und zu neuen Ufern aufbrechen kann, nach dem Motto: „The sky is the limit!“

Mein As im Ärmel war dabei immer mein Humor, der mich über vieles, insbesondere auch über mich selbst schmunzeln oder gar lachen lässt, meine Zuversicht und mein Tatendrang, meine Neugier und meine Lust daran, selbst gesteckte Ziele zu verfolgen. Ich war in letzter Zeit mit meiner selbst diagnostizierten Midlife-Crisis voll enthusiastisch, weil ich gespürt habe, dass sich bei mir richtig was entwickelt.

Gar nicht lustig!

Doch es gibt in der Midlife-Crisis auch ein Thema, da vergeht einem das Schmunzeln und der Enthusiasmus recht schnell, weil die Endlichkeit des Lebens und die Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit ins Zentrum rücken. In einem interessanten Buch, in welchem die Midlife-Crisis aus philosophischer Sicht betrachtet wird, steht dazu folgendes:

„In der mittleren Lebensphase ist die zeitliche Begrenztheit des menschlichen Lebens keine abstrakte Vorstellung mehr. Wir wissen aus eigener Erfahrung, was ein Jahrzehnt bedeutet, und können die verbleibenden an einer Hand abzählen. Das macht vielen Menschen Angst.“

Setiya, Kieran: Midlife Crisis – Eine philosophische Gebrauchsanweisung, 1. Aufl., Berlin, Deutschland: Insel Verlag, 2019, S. 125.

Angst vor dem eigenen Ende

Die Angst vor dem eigenen Ende ist das eine. Aber wenn das Leben sich an die natürliche Chronologie der Ereignisse hält, dann sterben erst einmal unsere Eltern, bevor wir dran sind. Auch mit diesem Gedanken, dass unser Stammbaum oberhalb von uns allmählich verblasst, müssen wir wohl oder übel klarkommen. Das ist schließlich der Gang der Dinge.

Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit diesem Thema auseinandergesetzt, habe versucht, meine Resilienz zu stärken, habe gelesen, reflektiert, Gespräche geführt und mir vorgestellt, WAS sein wird und WIE es sein wird, wenn eines Tages ein Teil der eigenen Eltern nicht mehr da ist und irgendwann auch beide nicht mehr. Ich habe es meinen Teenager-Kindern erklärt, dass sie die Zeit mit Oma und Opa bewusst erleben und bitte wertschätzen sollen, auch wenn sich ihre Lust hin und wieder in Grenzen hält, an bestimmten Wochenenden auf Familienbesuch zu den Großeltern zu fahren. „Irgendwann sind sie nicht mehr da! Dann werden wir sie schmerzlich vermissen. Also lasst uns die gemeinsame Zeit mit ihnen noch nutzen und genießen.“, lautete stets mein Mantra. 

Indem ich mir all das bewusst machte und dieses Mantra immer wieder zum Besten gab, fühlte ich mich irgendwie gut vorbereitet auf das, was eines Tages eintreten würde. 

Die bittere Realität

Nun IST es eingetreten. Wir mussten letzte Woche meinen Vater beerdigen, der, wie wir in der Traueranzeige schrieben, „… nach kurzer schwerer Krankheit von uns gegangen ist …“. Eine Umschreibung dafür, dass es für uns ziemlich überraschend kam. Obwohl ich dachte, mich darauf vorbereitet zu haben – war ich es letztendlich nicht. Denn wenn ich ganz ehrlich bin, war ich davon ausgegangen, dass unsere gemeinsame Zeit bestimmt noch ein paar Jahre dauern würde. Immerhin war er nur gerade mal 30 Jahre älter als ich. 

Die ganzen schlauen Bücher und Weisheiten, das Nachdenken und Reflektieren, der Glaube und die Gespräche haben mich nicht wirklich vorbereitet auf das, was jetzt ist und was noch kommt. Man kann Verlust und Trauer nicht im Voraus trainieren wie einen Muskel, das wird mir gerade schmerzlich bewusst. Die Erkenntnis, meinen Vater tatsächlich nun wirklich nicht mehr und nie wieder treffen zu können, hat mich richtig umgehauen.

Es ist der bisher schwerste Verlust, mit dem ich jemals klarkommen musste. Die Trauer bestimmt momentan meinen gesamten Alltag und alles andere tritt vollkommen in den Hintergrund. Meine ganze Disziplin, meine Zielstrebigkeit und mein Tatendrang sind aktuell total im Eimer. Mit meinem sonst so hoch gepriesenen „Abenteuer“ meiner Midlife-Crisis ist gerade nicht viel los. Jeder Handgriff kostet mich unendlich viel Kraft und totale Überwindung. Ich könnte mir auch gut vorstellen, nur irgendwo zu sitzen, wo es über mir eine Decke gibt, nur um endlos an selbige zu starren.

Wenn mein Vater das hier lesen würde …

Oh Gott, wenn mein Vater das hier lesen würde. Der würde total die Augen verdrehen und fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Er würde sagen, ich solle gefälligst mein Leben weiterleben und Gas geben, mich um meine Familie und meine Arbeit kümmern und mich über die vielen schönen Momente freuen, die wir miteinander hatten. Davon gab es schließlich unendlich viele. Na gut, er hat ja recht. Ich werde mich bemühen.

Der Gedanke, dass wir beide bis zuletzt immer wirklich cool miteinander waren, ohne jeglichen Stress und Ärger und immer eine gute Zeit zusammen hatten, ist ein ganz starker Trost. Unser letztes Treffen im Kreise der Familie, als wir uns ohne jede Vorahnung auf das plötzliche Ende wie gewohnt einen richtig tollen und lustigen Abend gemacht haben, wird mir eine unvergessliche und schöne Erinnerung bleiben. Ich bin froh, dass ich diese Erinnerung habe. Sie hilft mir mehr, als jedes schlaue Buch, was ich in der Vergangenheit gelesen und jeder noch so kluge Tipp, den ich bekommen habe.

Wenn du bis hierher gelesen hast, habe ich eigentlich nur noch eine Botschaft für dich: Nutze und genieße die Zeit mit deinen Lieben, ob jung oder alt, und nimm keinen Tag als selbstverständlich hin. Wertschätze jeden Moment. Verabschiede dich von niemandem, der dir etwas bedeutet, leichtfertig, im Unguten oder gar im Streit. Sage oder zeige den Menschen, die dir wichtig sind, wie viel sie dir bedeuten.

Ist Trauern egoistisch?

Dass ich meinen Vater beim letzten Abschied (von dem ich noch nicht wusste, dass es WIRKLICH der letzte Abschied sein würde) nochmal so richtig fest und bewusst umarmt und geknuddelt habe, hilft mir gerade mehr als alles andere. Um ihn muss ich mir jetzt eh keine Sorgen mehr machen. Er glaubte an den lieben Gott, an den Himmel und an ein Leben nach dem Tod. Eigentlich glaube ich auch daran oder möchte es zumindest. Eines ist sicher: wenn wir tot sind, sind wir tot. Und wenn wir in den Himmel kommen, wo alles prima ist, dann können wir uns doch freuen, im Himmel zu sein. Und falls es den Himmel doch nicht gibt, dann existieren wir nach unserem Tod auf der Erde einfach nicht mehr, so wie wir VOR unserer Geburt schon nicht existiert haben. Und damit – also mit der Nicht-Existenz VOR unserer Geburt – hatten wir schließlich auch kein Problem. Sollte es den Himmel also nicht geben, würden wir es nach unserem Tod gar nicht merken.

Demnach halte ich mal fest: die Toten haben nach ihrem Tod definitiv kein Problem, egal was nun stimmt. Also basiert die Trauer über den Tod eines Menschen doch nur darauf, dass wir uns als Hinterbliebene Leid tun und uns die verstorbene Person zurückwünschen. Ist Trauern demnach etwa ein reiner Egotrip? Puh … ich kann Fragen stellen. Naja, jedenfalls hilft es mir gerade, mir über so was Gedanken zu machen.

Dazu passend noch ein Zitat von Epikur, einem der alten Stoiker, die die Sache mit dem eigenen Tod erstaunlich cool gesehen haben:

“Das schmerzlichste Übel, der Tod, geht uns also nichts an. Denn so lange wir sind, ist der Tod nicht da, und sobald er da ist, sind wir nicht mehr.“

Pigliucci, Massimo: Die Weisheit der Stoiker, Piper Verlag, 2017, S. 166

Das soll es für heute erstmal gewesen sein. Danke für dein Interesse, bis bald und herzliche Grüße,

Till Aigner

Level X Gründer und Autor. Motto: Die Midlife-Crisis als Chance und Abenteuer begreifen.

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