Markus Torgeby: Inspiration durch Einsamkeit, Kälte und Laufen?

Anfang 20, ein Zelt und ein Plan: Überleben und Laufen in der eiskalten Wildnis von Schweden.

”Ich liebe es, zu laufen und mich anzustrengen, bis meine Beine und die Lungen brennen. Dann fühle ich mich lebendig und ganz im Augenblick. So möchte ich leben.”

Markus Torgeby, Bis an die Grenzen des Seins, S. 57

Als ein guter Freund, er ist leidenschaftlicher Läufer auf Lang- und Ultralangstrecken, mir das Buch Bis an die Grenzen des Seins von Markus Torgeby empfahl, war ich sofort interessiert. Das Thema war wirklich ziemlich schräg. Da beschließt ein Anfang 20-jähriger Schwede, raus in die Wildnis zu ziehen, um dort bei Eiseskälte in einem Zelt im Wald zu leben und nichts weiter zu tun als zu überleben und zu laufen. Nur um das kurz klar zu stellen: es handelt sich um eine wahre Geschichte über sich selbst, die der Autor Markus Torgeby erzählt. Er lebte über vier Jahre in einem Zelt in der schwedischen Wildnis und kämpfte besonders in den rauen Wintern ums nackte Überleben. Ganz nebenbei tat er hauptsächlich eines: Laufen.

Buch Cover von: Bis an die Grenzen des Seins von Markus Torgeby

Warum und wie kann ein Mensch wie Markus Torgeby eine Inspiration sein?

Diese Frage stellte ich mir, als ich das Buch „Bis an die Grenzen des Seins“ zur Hand nahm. Wie kommt jemand überhaupt auf die Idee, freiwillig solche Strapazen auf sich zu nehmen, ja sogar sein Leben zu riskieren? Kann Markus Torgeby eine Inspiration für mich sein, ein Vorbild?

Ich war ab der ersten Seite des Buches fasziniert. Zunächst gar nicht so sehr von seiner Geschichte, die noch recht harmlos beginnt. Es ist vielmehr seine Erzählweise, die zum großen Teil eine Zusammenstellung von Gedankenfragmenten, Beobachtungen und Gefühlen ist. So geschrieben, als sei es ihm total egal, wie sich das später beim Lesen anhören wird. Doch für mich ging dieses Konzept total auf. Durch diese fragmentierte Schreibweise bekam ich zum einen das Gefühl, unmittelbar in der Gedankenwelt des Erzählers gelandet zu sein, zum anderen bekam die Erzählung trotz (oder gerade wegen?) der ziemlich einfachen, fast kindlichen Ausdrucksweise und den vielen kurzen Hauptsätzen geradezu etwas Lyrisches.

Hier eine kleine Kostprobe:

„MEIN TRAINER TRINKT viel Kaffee. Immer die selbe Marke, Löffelbergs Lila. Aus einer Thermosflasche schüttet er ihn in eine weiße Plastiktasse. Er arbeitet nachts und sieht häufig sehr müde aus.

Seine Angaben sind immer sehr klar und eindeutig und genau: in welchem Tempo ich die Intervalle laufen soll, wie lang die Pausen sein sollen. Mir gefällt es, Anweisungen zu bekommen. Ich muss nicht nachdenken, nur das tun, was der Trainer sagt.

Ich möchte in einer physischen Welt sein. Alles einfach und konkret.

Mamas tränen existieren nicht. Es geht nur ums Laufen.

Das Leben hat Klarheit.“

Markus Torgeby, Bis an die Grenzen des Seins, S. 32

In dieser Erzählweise verläuft im Prinzip das gesamte Buch. Doch zurück zu der Frage, wo hier für mich die Inspiration ist.

Die Hürde überwinden und lernen NICHTS zu tun.

Das Inspirierende beginnt für mich ab der Stelle, als Markus Torgeby alles hinter sich läßt und in sein Einsiedlerleben in den Wald geht. Ich möchte bitte nicht falsch verstanden werden. Diese Lebensform wäre auf keinen Fall etwas für mich. Aber das, was Torgeby in der Wildnis erlebt, in erster Linie die Gedanken, die er sich macht, geben Antwort auf die vielen Fragen, die man sich angesichts unserer modernen Lebensweise immer häufiger stellt. Ich meine den Umgang und die Folgen der Medienüberflutung, den Eindruck, ständig verfügbar und kommunikationsbereit sein zu müssen, permanent das Smartphone im Anschlag zu haben, ständig in Action und getrieben von vermeintlich wichtigen Dingen zu sein.

Was passiert denn, wenn man von heute auf morgen vollkommen auf sich selbst zurückgeworfen wäre? Einfach mal NICHTS tun?

Genau diese Erfahrung macht Markus Torgeby und die macht ihn fast verrückt:

„ICH MUSS ETWAS gegen meine Unruhe unternehmen. Eines Tages ziehe ich mehrere Schichten Kleidung an, setze mich auf einen Baumstumpf und tue nichts. Ich muss diese Hürde überwinden, ich muss lernen, nichts zu tun.

Ich sitze still, Stunde um Stunde.

Ich gehe nicht ins Zelt, ehe es dunkel ist. Ich bin sehr müde, obwohl ich nichts getan habe. Mein Hirn ist total alle.

Tausend Ideen gehen mir durch den Kopf. Es ist schwierig, abzuschalten, wenn es ruhig ist, weil dann nichts da ist, was die Gedanken ablenkt.“

Markus Torgeby, Bis an die Grenzen des Seins, S. 96-97

Es ist total faszinierend, Torgeby dabei zu beobachten, wie er zu Beginn seines Einsiedlerlebens versucht, abzuschalten und damit klar zu kommen, dass es in seiner selbst gewählten Einsamkeit keine Ablenkungen gibt. Doch hier durchläuft er eine deutliche Entwicklung und lernt alsbald, die Isolation und die Stille zu schätzen. Das wird deutlich, als er eines Tages an seine Zeit in der „zivilisierten Welt“ zurückdenkt und daran, wie genervt er dort von der ständigen Überflutung durch Medien, Meinungen und Informationen war:

„Ich wünschte, alle hielten einfach die Klappe.“

”Ich lese hier keine Bücher. Ich höre kein Radio. Ich sehe nicht fern. Ich werde nicht mit der Meinung anderer Menschen gefüttert, muss mich nicht in irgendeinen Kontext einfügen. (…) zu viele Worte und Meinungen, die auf nichts basieren. Alles ist Oberfläche, keine Tiefe. So viele Antworten, end­lose Diskussionen im Fernsehen, ich wünschte, alle hielten einfach die Klappe.”

Markus Torgeby, Bis an die Grenzen des Seins, S. 93
Aufzeichnungen aus dem Buch: Bis an die Grenzen des Seins von Markus Torgeby.
Ich mag es, mir beim Lesen direkt Passagen zu notieren und zu kommentieren. Bei Markus Torgeby fand ich besonders viel Futter.

Wie Recht er hat. Manchmal möchte man sich einfach Augen und Ohren zuhalten, um nicht ständig mit Input von außen konfrontiert zu werden. Vor allem vor dem, was uns rund um die Uhr über die medialen Kanäle erreicht, versuche ich mich zunehmend zu schützen und meine Zeit so sinnvoll wie möglich zu nutzen. Hier hilft es mir, dass ich mir konkrete Ziele gesetzt habe und eigentlich ziemlich gut weiß, was mir gut tut bzw. was ich tun muss, damit ich diese Ziele erreiche. Sich durch ein ständiges Grundrauschen von irrelevanten Dingen berieseln zu lassen, gehört jedenfalls nicht dazu. Auf jeden Fall lerne ich in diesem Zusammenhang auch das “Nichts tun“, was im normalen Alltag schon verdammt schwer fällt.

Fazit zum Buch

Nicht nur für Läufer!

„Bis an die Grenzen des Seins“ dürfte nicht nur für ambitionierte Läufer ein echter Tipp sein, wenngleich die Läufer natürlich einen besonders intensiven Zugang zu den Schilderungen haben werden. Markus Torgeby vermag es, den Leser ganz eng in seine Gedankenwelt zu ziehen. Fast hat man manchmal das Gefühl, frierend im Wald zu sitzen, die Angst im Nacken, dass einem irgendein Körperteil abfriert, so direkt und authentisch erzählt Torgeby.

„Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n!“

Wie weit man seinen Beweggründen und seiner ziemlich extremen Lebensweise zu folgen vermag, hängt natürlich von der eigenen Einstellung ab. Aber auch wenn nicht jeder dazu gemacht ist oder Lust verspürt, mehrere Jahre alleine im Wald zu leben und zu laufen, so bleibt auf jeden Fall eine gewisse Faszination. Eine Faszination über ein sehr selbstbestimmtes Leben ohne äußere Einflüsse. Markus Torgeby hat getan, was er für richtig hielt, was er aus seiner Sicht machen musste und kümmert sich nicht um Konventionen. So mancher, der in seiner eigenen Tretmühle hängt, würde sich davon sicher eine Scheibe abschneiden wollen. „Einmal verrückt sein und aus allen Zwänge flieh’n“. Diese Passage aus Udo Jürgens Song „Ich war noch niemals in New York“ trifft den Kern des Buches sehr gut und bringt die eigentliche Faszination sehr gut auf den Punkt.

Querverbindungen zum Stoizismus

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie man sich besser auf die wesentlichen Dinge des Lebens konzentrieren kann, dem empfehle ich einen Blick in das Buch Der tägliche Stoiker von Ryan Holiday. Das Buch baut auf den Lehren des Stoizismus auf, während es jeden Tag des Jahres das Zitat eines berühmten Stoikers beleuchtet, z.B. von Marc Aurel, Epiktet oder Seneca.

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