Ist die Midlife-Crisis nur ein blinder Alarm?

Was wäre, wenn deine Midlife-Crisis nur ein blinder Alarm in deinem Kopf ist, ein Strohfeuer deiner Gedanken?

Und am Ende deiner Midlife-Crisis kommt nichts heraus, außer der Erkenntnis, dass du dich mit deinem Leben, so wie es ist, einfach abfinden solltest, was du dann schließlich auch tust, so wie die meisten.

Als jemand, der seine Midlife-Crisis seit ein paar Jahren in dem Bewusstsein durchlebt, dass es ein positiver und konstruktiver Entwicklungssprung sein könnte, sorgt diese Vorstellung bei mir für Unbehagen. Verschwende ich hier gerade wertvolle Lebenszeit, indem ich mit meinen knapp 50 Jahren an einem möglichen Leben 2.0 herumdoktere, obwohl es mir doch objektiv betrachtet bereits richtig gut geht? Macht mich die Midlife-Crisis etwa undankbar? Sollte ich nicht einfach das Erreichte genießen und zufrieden sein mit dem, was ich habe und nicht über das meckern, was ich nicht habe? Da ist sie schon wieder: die typische Grübelei der Midlife-Crisis.

Lohnt sich die Auseinandersetzung mit deiner Midlife-Crisis?

Falls du wie ich gerade eine Midlife-Crisis durchlebst, kennst du vielleicht das Gefühl, dich im wahrsten Sinne des Wortes wund zu denken. Du kommst vom Hundertsten ins Tausendste, grübelst, hinterfragst, schmiedest Pläne, entwickelst Ideen und verwirfst sie wieder, Euphorie und Frust wechseln sich so heftig ab wie die Temperatur zwischen Sauna und Tauchbecken. Eine Midlife-Crisis kann echt enorme Unruhe in dein bisher so beschauliches Leben bringen. Ich meine, wenn das am Ende alles zu einer positiven Weiterentwicklung führt, dann nehme ich diese Unruhe gern in Kauf. Was aber, wenn die Midlife-Crisis nur ein blinder Alarm, ein Strohfeuer unserer Gedanken ist, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass man doch lieber alles so lassen sollte wie es bisher war? Und das, nachdem du dir über Monate, wenn nicht sogar über Jahre auf dem Reißbrett deiner Phantasie dein Leben 2.0 entworfen hast?

Bleibt nach der Midlife-Crisis alles wie immer?
Was aber, wenn die Midlife-Crisis nur ein blinder Alarm, ein Strohfeuer unserer Gedanken ist, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass man doch lieber alles so lassen sollte wie es bisher war?

Oder noch schlimmer:

Du bist bereits ins Handeln gekommen und hast Dinge in die Wege geleitet, um deine zweite Lebenshälfte neu zu justieren, und dann kommt der Befehl zum Rückzug: Achtung, Achtung! Keine Veränderung! Hier bleibt alles wie es war! Ob der Befehl zum Rückzug aus deinem Kopf, Bauch, Herzen oder gar aus deinem sozialen Umfeld kommt, soll an dieser Stelle keine Rolle spielen. Fakt wäre dann jedenfalls: Es gibt kein Leben 2.0 für dich, sondern nur die reine Abfindung mit deinem Leben 1.0. 

Wir blasen zum Rückzug!

Lassen wir doch lieber alles so wie es noch vor unserer Midlife-Crisis war.

100% gibt’s nicht. Finde dich damit ab.

Nein! Ich will mich aber nicht abfinden! „Sich abfinden“: Bei diesem Begriff läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Dieser Begriff steckt für mich so voller Resignation.

Laut Duden bedeutet „sich abfinden“, dass man sich mit etwas zufriedengibt oder sich in etwas fügt (zum Beispiel in sein Schicksal). Openthesaurus liefert für „sich abfinden“ gar Synonyme wie „etwas auf sich beruhen lassen“, „aufgeben“, „aufhören zu kämpfen“, „sich beugen“. Na wenn das keine guten Aussichten auf das Ende unserer Midlife-Crisis sind. Da haben wir gerade angesetzt zum ganz großen Sprung in die Veränderung und dann knicken wir auf einmal wieder ein und kriechen zurück in unsere vermeintliche Komfortzone.

Andererseits, so machen es doch die meisten. Und fahren die nicht ganz gut damit, einfach stressfreier? Wozu 100 Prozent vom Leben erwarten, die ich nur vielleicht(!) bekomme, wenn ich doch 80 Prozent bereits sicher habe? Die fehlenden 20 vergessen wir allabendlich einfach bei Netflix und einer guten Flasche Wein. Und ist diese Erwartungshaltung auf 100 Prozent nicht generell auch irgendwie dekadent? Andere würden sich freuen, wenn sie so ein Leben hätten. Da sind wir wieder bei der fehlenden Dankbarkeit für ein gutes Leben.  

Midlife-Crisis ist wie nach Öl bohren.

Ich bin nicht undankbar. Im Gegenteil, ich weiß mein gutes Leben wirklich zu schätzen. Mein Problem ist nur, dass ich auf dem eingeschlagenen Weg Richtung Selbsterkenntnis nicht mehr zurück kann. Mit der Bewusstwerdung meiner Midlife-Crisis habe ich den Geist sozusagen aus der Flasche gelassen, und der penetriert mich nun rund um die Uhr mit den großartigsten Versprechungen, was alles noch möglich wäre für mich. Besser noch als den Vergleich mit dem Flaschengeist finde ich eigentlich den mit dem “Bohren nach Öl“: Du bohrst und bohrst und irgendwann – wenn du Glück hast – stößt du auf ein Vorkommen und es fängt an zu sprudeln.

Dann gilt es allerdings, den wertvollen Rohstoff in geordnete Bahnen zu lenken, weil es erstmal in alle Richtungen spritzt und blubbert und wenn du nicht aufpasst, gibt’s eine Riesensauerei und es könnte bei dir, aber auch in deinem Umfeld, Schaden entstehen. Du kannst das Bohrloch aber auch nicht einfach wieder verschließen und so tun, als hättest du dort nie gebohrt. Du hast das jetzt aufgemacht und musst von nun an verantwortungsvoll damit umgehen. Der Rohstoff „Selbsterkenntnis“ ist wertvoll und du solltest ihn, wenn du ihn erst einmal entdeckt hast, nicht ungenutzt versickern lassen. Platt gesagt: Es ist, als hätte dir jemand einen Floh ins Ohr gesetzt und jetzt schwirren da die verrücktesten Ideen in deinem Kopf herum.

Lasst uns die Sache doch einfach aussitzen!

Meine Befürchtung, dass dieser ganze Aufriss in der Midlife-Crisis am Ende zu gar nichts führt, ist nicht unbegründet. In einem Interview zur Midlife-Crisis mit der Welt bezieht sich der Ökonom Hannes Schwandt auf eine wissenschaftliche Studie zur Lebenszufriedenheit von Menschen aus dem Jahr 2013 und erklärt, dass die Zufriedenheit in der Mitte des Lebens auf einen Tiefpunkt absinkt, es mit Anfang 50 (zumindest gem. der deutschen Daten) aber wieder bergauf geht, weil man sich dann mit seinem Leben abfindet, um sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen. „Gehirnstudien haben zudem gezeigt, dass das alternde Gehirn weniger intensiv auf vorangegangene Enttäuschungen reagiert.“ erläutert Hannes Schwandt. Da haben wir den Beweis: Die Menschen finden sich einfach irgendwann mit ihrem Leben ab.

Na prima!

Dann ist also die Midlife-Crisis einfach nur eine Erscheinung, die wir am besten ignorieren und aussitzen, um uns ab der Mitte unseres Lebens keinen unnötigen Stress zu machen?

Wenn am Ende eh alles beim Alten bleibt, wozu dann die ganze Aufregung?

Nein, so resigniert müssen wir das Feld unserer Midlife-Crisis nicht gleich räumen. Schwandt rät dazu: „(…) Die Phase zwischen 40 und 50 zu nutzen, um seine Stärken und Schwächen zu evaluieren. Wenn man seine Stärken sinnvoll für einen Neuanfang nutzen kann, kann es ein guter Schritt sein.“ Allerdings rät er auch zu dem nötigen Augenmaß, denn wenn ein vierzigjähriger Anwalt seine zwanzigjährige Expertise aufs Spiel setzen würde, um eine Surfschule zu eröffnen, müsse sich sein Leben nicht zwangsläufig verbessern. Es würde anders werden und brächte wahrscheinlich sogar den Verlust von Lebensqualität mit sich, d.h. eine automatische Verbesserung sollte nicht erwartet werden. 

Das kann ich nachvollziehen und das versöhnt mich auch wieder ein wenig mit der Möglichkeit, dass ich am Ende meiner Midlife-Crisis tatsächlich zu dem Schluss kommen könnte, mein Leben so zu lassen und zu leben wie es bisher war. Ich wäre wohl in guter Gesellschaft, denn als ich neulich mal darüber nachdachte, wen ich persönlich kenne, der mit Ü40 wirklich nochmal was gewagt hat (außer Scheidung), fiel mir fast niemand ein. Vielleicht ist das ja ein gutes Zeichen, weil ich nur zufriedene Menschen um mich habe. Ja, schon gut, ich bin ja auch zufrieden! Und dankbar! Sehr, sehr dankbar! Das sagt mein Flaschengeist auch. Aber eben hat er mir wieder so eine Idee ins Ohr geflüstert, über die ich gleich mal nachdenken sollte. 

3 Gedanken zu „Ist die Midlife-Crisis nur ein blinder Alarm?“

  1. Danke für den Artikel! Die Midlife-Crisis scheint jeden mit einer anderen Härte zu treffen. Ich kenne jemanden, der sein ganzes Leben über den Haufen geworfen hat. Keine Ahnung, ob er nun glücklicher oder immer noch auf der Flucht ist.

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